2016 – du Arsch

Jahresrückblicke finde ich sinnlos. Rückblicke an sich sind etwas, das ich meide. Doch dieses Jahr muss ich zurückblicken, euch schreiben, was das Jahr 2016 mir genommen hat und was 2017 kommen wird.

RIP Flöhchen

2015 nahmen wir Fleur auf, eine ältere Norfolkterrier-Hündin. Sie war ein Facebook-Notfall. Ich hatte Mitleid, schrieb die Halterin an und am nächsten Tag stand sie vor der Tür und drückte mir einen verzottelten, stinkenden und verflohten Wischmopp in die Hand. Sie wurde in Praline umbenannt, blieb aber für uns immer „Flöhchen“, weil ich ihr meine erste und einzige Flohplage im Haus verdanke. So fit sie für ihr Alter äußerlich auch schien, umso schlimmer aber war ihr Gesundheitszustand. Wir waren Dauergast bei Tierarzt, kämpften mit ihren Herzproblemen, operierten alte Fremdkörper aus ihrem Verdauungstrakt und doch war nie der Punkt da, dass man sie hätte einschläfern können, sollen oder müssen. Flöhchen war so zäh und sprang dem Tod einige Male von der Schippe, um danach wieder ganz die fitte Alte zu sein.  Doch im Juni 2016 war es ein scheinbar harmloser Pemphigus-Schub, der etwas ins Rollen brachte, von dem sie sich nicht mehr erholte. Sie starb am 21. Juni.

Pauli war nun wieder allein. Ich hatte damals hier im Blog geschrieben, dass kein weiterer Hund bei uns einziehen sollte, weil Pauli schon so viele Hunde überlebt hatte und immer zurück stecken musste. Er war schon mal einige Zeit Einzelhund, denn als wir unsere Kinder bekommen habe, haben wir bewusst keinen weiteren Hund mehr aufgenommen. Pauli kam damals super zurecht. Doch dieses Mal war es anders. Man merkte ihm an, dass ihm etwas fehlte. Er mochte nicht mehr allein im Garten herum laufen und blieb zwar weiterhin lieb allein zu Hause, begrüßte uns aber unruhiger als früher. Doch bei mir war ein Punkt erreicht, dass ich auch aus Gründen der Vernunft einen weiteren Hund ablehnte. Das hatte in erster Linie finanzielle Gründe, denn für die Tierarztkosten von Flöhchen hätte ich mir einen kleinen Neuwagen kaufen können und meine Reserven waren restlos aufgebraucht.

Wir bandelten stattdessen mit einer Labradorhündin an und holten diese täglich mittags zum Spazierengehen ab. Daraus wurden nach kurzer Zeit eine Tagesbetreuung und unser großes Glück. Pauli liebte das hübsche Labbimädchen von Anfang an, mehr als alle anderen Hunde, mit denen er zuvor zusammen gelebt hat. Das Einzelhund-Problem war so für uns gelöst und Pauli war glücklich. Kurze Zeit später stieß noch ein weiteres Hundemädchen zu uns, ein Huskymischling, der ursprünglich aus Bulgarien kommt.

RIP Pauli

Irgendwann beschlich mich so ein Gefühl. Das Gefühl, dass unsere gemeinsame Zeit abläuft. Woran das lag, konnte ich nicht sagen. Pauli war fit, wurde von vielen als Junghund gehalten und es gab eigentlich keinen Grund zu denken, dass sich das in nächster Zeit ändern würde.

Ich erfuhr, dass Paulis Bruder einen Prostatatumor hatte und wahrscheinlich nicht mehr lange leben würde. Ich ließ Pauli vorsichtshalber untersuchen, doch es war nichts zu ertasten und seine Blutwerte waren alle in Ordnung. Das Gefühl blieb aber und wurde nur noch stärker. Als ich dann plötzlich das Gefühl hatte, dieses Weihnachten würde unser letztes werden und ich gedanklich eine Liste machte, was wir bis dahin noch alles zusammen machen wollen, bin ich wieder zu unserem Tierarzt. Es wurden weitere Blutwerte bestimmt und tatsächlich war ein einziger Wert minimal erhöht – das CRP, das man auch Entzündungseiweiß nennt.

Pauli wurde sofort geröntgt und man entdeckte eine Umfangsvermehrung im Bauchraum. Es folgte Ultraschall und eine OP, denn es war ein Milztumor, der samt Milz entfernt werden musste. Wir hatten dreimal großes Glück. Wir haben den Tumor früh genug entdeckt, es gab keinen Hinweis auf Metastasen und die Operation verlief ohne Komplikationen. Pauli ging es am Abend nach seiner Operation erstaunlich gut und wir waren uns sicher, er würde am nächsten Tag wieder der Alte sein. Doch es kam alles anders, denn für ein 4. Mal hatte das Glück keine Lust mehr. Am nächsten Tag – am 10.Dezember – starb Pauli an einer Embolie.

Ein Leben ohne Hund – so ist es

Schon bei Flöhchen habe ich gemerkt, dass ihr Tod mir näher ging als bei meinen vielen Tieren zuvor. Ich wurde zu denen, die ich mein Leben lang verurteilt habe. Zu den „immer diese Abschiede“- und „ich kann sowas nicht“-Leuten, die genau aus diesem Grund kein weiteres Tier aufnehmen wollten, erst Recht kein altes Tier. Damals war der Tod für mich Alltag. Ich arbeitete im Tierheim und hatte alte Tiere, die ich zum Teil aufgenommen hatte, damit sie nicht im Tierheim sterben müssen. Der Tod gehörte dazu und wurde zur Normalität. Natürlich war man traurig, fuhr heulend von der Tierarztpraxis nach Hause und beerdigte sein Tier. Doch der Platz wurde bald wieder gefüllt, weil er eben gebraucht wurde. „Ich könnte das nicht“ habe ich oft zu hören bekommen, wenn ich wieder ein altes Tier aufgenommen habe. „Ich könnte das nicht“ habe ich geantwortet, weil ich es nicht mit meinem Gewissen hätte vereinbaren können, ein Tier im Tierheim sterben zu lassen, obwohl ich den Platz für dieses gehabt hätte. Hey, ihr „Diese Abschiede sind nichts für mich“-Leute. Ich kann euch jetzt verstehen. Je weniger der Tod zum Alltag gehört, umso schlimmer ist er.

Der geahnte, aber dann doch unerwartete Tod von Pauli hat mir ein Stück weit den Boden unter den Füßen weggerissen. Unbemerkt ist  dieser Hund über die Jahre zu meinem besten Freund geworden. Nun ist er nicht mehr da und ich hatte und habe noch immer ein bisschen das Gefühl, ganz allein auf der Welt zu sein. Zum ersten Mal seit 20 Jahren habe ich keinen Hund mehr. Seit zwei Wochen können wir Essen auf dem Tisch stehen lassen und das Haus verlassen. Wenn wir wieder kommen, steht es immer noch da. Wir können die Küchentür auf lassen, weil niemand mehr den Mülleimer ausräumt. Es ist niemand mehr da, der auf der Fensterbank sitzt und Einbrecher abschreckt. Und wenn man nach Hause kommt, ist niemand da, der auf einen wartet. Es ist ein trauriges Leben ohne Hund. Manchmal aber ist es auch ganz bequem, auf nichts achten und auf niemanden Rücksicht nehmen zu müssen.

2017 – und nun?

An dem Tag, an dem Pauli gestorben ist, war ich mir sicher, keinen Hund mehr zu wollen – nie wieder. Einen Tag später, ein Sonntag, hätte ich mich am liebsten an ein Tierheimtor gekettet und geschrien, man solle mir sofort irgendeinen Hund geben. Jetzt ist es irgendetwas dazwischen und es ist noch kein neuer Hund eingezogen.

Ich habe darüber nachgedacht, wie es mit diesem Hundeblog weitergehen soll. Habe überlegt, ob ich ihn einstampfen sollte, denn ohne Hund ist man doch kein richtiger Hundeblogger, oder? Doch dieser Blog wird bleiben und es wird 2017 einiges anders werden.

Hundeleer ist es hier dennoch nicht. Paulis Hundefreundinnen werden weiterhin kommen. Inzwischen bin ich das einzige Familienmitglied, das sich noch gegen einen neuen, eigenen Hund wehrt. Ein bisschen Zeit brauche ich aber noch, denn ich muss mir selbst noch klar darüber werden, wie es weiter gehen soll. Was für ein Hund hier einziehen wird? Ich habe keine Ahnung. Mein Herz gehört nach wie vor den alten Hunden, die Kinder wollen einen Welpen und der Mann wieder einen „richtigen Hund“, der nebenbei auch die Einbrecher fernhält. Möglicherweise wird es ein Hund 5 oder 6+ werden, vielleicht aber auch etwas ganz anderes. Wir lassen es auf uns zukommen.

2016 – du Arsch
4.75 (95%) 4 votes

Schon gelesen?

Balljunkies – Wenn Spielen zur Sucht wird

Viele Hundehalter halten das Ballspielen für eine gute Beschäftigung für ihren Hund. Doch dieses niedliche …

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.