Von Kindern, Hunden, Hundephobien und der Lüge der Vereinbarkeit

Bei uns gibt es nicht nur Hunde. Ich bin auch zweifache Mama. Über die Vereinbarkeit von Kindern und Hunden und ein Appell an hundelose Eltern.

Ich mag Hunde. Ich mag Kinder

Hier gibt es derzeit drei Hunde. Alles nicht unsere, aber sie werden wie die eigenen behandelt, denn sie sind fast jeden Tag da. Und es gibt zwei Kinder, 4 und 6 Jahre alt.

Unsere Kinder sind mit Tieren aufgewachsen. Mit ein paar netten und auch mit ein paar weniger netten. Sie mussten den respektvollen Umgang mit Tieren von Anfang an lernen. Manchmal zu ihrem eigenen Schutz, aber noch mehr, weil ich es absolut nicht dulde, dass meine Tiere in Situationen gedrängt werden, in denen sie sich unwohl fühlen. „Arschlochmutter“ könnte man denken… Doch eigentlich musste ich dafür kaum etwas tun. Vielleicht habe ich es ihnen vorgelebt. Vielleicht habe ich mit meinen Kindern aber auch einfach nur Glück gehabt. Die Sache mit dem Respekt soll hier aber nicht das Thema werden. Das würde den Rahmen sprengen und kommt vielleicht in einem der nächsten Beiträge.

Früher habe ich gedacht, das größte Problem bei der Vereinbarkeit von Kindern und Hunden wäre, wenn noch sehr kleinen Kinder schlafen und der Hund mal raus muss. Später dachte ich, das größte Problem dabei wären die Nachmittagsaktivitäten wie Krabbelgruppe, Kinderturnen und der Spielplatz, weil der Hund nie mit kann und ständig alleine bleiben muss. Ich habe mich getäuscht. Die Schwierigkeit der Vereinbarkeit kommt noch später, bei uns genau jetzt.

Spielfreunde und Hundephobien – Vereinbarkeit, wo bist du?

Wir haben fast jeden Tag Besuch, Spielbesuch. Andere Kinder sind hier willkommen. Ab einem bestimmten Alter muss man als Mutter auch nicht mehr viel tun. Die Kinder spielen für sich, melden sich, wenn sie etwas brauchen und man versorgt sie in der Halbzeit mit etwas Flüssigkeit und Nahrung. Die Nachmittage sind so entspannt.
Äääh, neee…. sie könnten so entspannt sein. Könnten!
Wenn die Hundeangst nicht wäre.

Dass so viele Kinder große Angst vor Hunden haben, war mir nie bewusst, bis ich selber Mutter wurde und meine Kinder größer wurden. Dabei ist die kurzzeitige Angst kleiner Kinder vor Hunden auch gar nicht unnormal, denn auch Menschenkinder durchlaufen verschiedene Entwicklungsphasen.

Bei Jungs scheint es weniger ein Problem zu sein. Bei Mädchen dafür umso mehr, fällt uns so auf, da wir zwei Töchter und deshalb fast nur Mädchen zu Besuch haben. Man merkt, wie sehr die Anwesenheit von Hunden sie hemmt. Sie gehen nur zögerlich an ihnen vorbei. Sie werden nervös, wenn sich ein Hund bewegt. Sie geraten in Panik, wenn einer von ihnen nur aufsteht.

Spreche ich die Eltern darauf an, kommt in den meisten Fällen nur ein Schulterzucken. Und dieser Spruch.

„Naja, besser etwas Respekt haben als auf jeden zulaufen.“

Oarrr, wie ich diesen hasse!
 
Das ist kein Respekt! Das ist Angst! MEINE Kinder haben Respekt. Sie würden nie auf einen fremden Hund zulaufen, geschweige denn ihn anfassen. Sie bleiben vor Schreck stehen, wenn ein fremder Hund sie anbellt oder auf sie zu rennt. DAS ist Respekt. Das, was EURE Kinder haben, ist KEIN Respekt, sondern ANGST!

Respekt ist das, was man vor Autos hat. Man ist achtsam, wenn sie sich nähern. Aber man rennt doch nicht vor ihnen weg. Oder schreit. Oder klettert irgendwo rauf, um sich in Sicherheit zu bringen.

Ich verstehe nicht, wie man so gleichgültig reagieren kann. Wie man denken kann, dass sich sowas mit der Zeit geben wird, warum man nichts dagegen tut.

Meine kleine Tochter entwickelte irgendwann Angst vor dem Wald und vor allem den Rehen darin. Sie wollte auf Fahrradtouren nicht mehr durch den Wald fahren und niemand wusste warum. Da kann ich doch auch nicht sagen „Mein Kind ist eben waldängstlich“ oder “Gibt sich schon wieder“. Wie sehr würde das ihr Leben einschränken. Schließlich leben wir direkt am Wald. Natürlich waren wir daraufhin ständig im Wald, haben im Tiergehege Rehe gefüttert, haben Rehe gestreichelt und waren wieder im Wald. Das ist keine große Geschichte, kein monatelanges Therapieprogramm, sondern bei kleinen Kindern eine Sache von wenigen Tagen, selten maximal Wochen. Mein Kind wollte schließlich von Zuhause ausziehen, um fortan in ihrem Tipi im Wald zu wohnen.

Mit Schwimmen und Fahrradfahren ist es das Gleiche. Doch da sehen die Eltern eher ein, dass dies ihre Kinder später einschränkt, wenn sie Angst vor Wasser haben und nicht schwimmen oder Rad fahren können.

Warum nicht so bei Hunden? Allein in unserer Straße mit 36 Einfamilienhäusern leben 21 Hunde. Na gut, kein Maßstab. Unser Dorf ist schon die Ausnahme, ein Hunde-Dorf. Doch Hunde gibt es überall. Man begegnet ihnen ständig. Wie kann ich als Elternteil wollen, dass mein Kind ständig auf Habacht-Stellung ist und schon beim Anblick eines entgegenkommenden Hundes den Fluchtweg plant? Wie sehr schränkt diese Angst doch das Leben dieses Menschen ein. Ach, übrigens nicht nur seines.

Auch das Leben unserer Hunde wird eingeschränkt. Normalerweise liegen sie nur rum. Aber das ist schon zu viel. Sie könnten nämlich, wenn sie wollten, einfach aufstehen und kommen. Also werden sie weggesperrt. Ich kenne Mütter, die ihre Hunde ins Schlafzimmer oder in die Waschküche sperren, wenn Kinder zu Besuch sind. Dazu bin ich nicht bereit. Wir haben ein Kindergitter zum Wohn-Essbereich, in dem sich die Hunde aufhalten. Kommt ängstlicher Besuch, bleibt das Türchen zu, damit es wenigstens so aussieht, als wenn die gefährlichen Hunde hinter Gittern verwahrt werden. Kinder mit Hundeangst können dann im Laufe des Nachmittags selbst entscheiden, ob und wie weit sie Kontakt zu den Hunden aufnehmen möchten. Wenn sie es gar nicht wollen, müssen sie sich eben in den Kinderzimmern, Flur, Küche, Bad aufhalten. Es dauert aber gewöhnlich nicht lange bis sie mit rein wollen.

Bei mir bleibt aber ein ungutes Gefühl, weil ich gleichzeitig Gäste aus dem Teil unseres Hauses aussperre, in dem unser Leben sonst hauptsächlich stattfindet. Ich würde mich wenig willkommen fühlen, wenn man mich so begrüßen würde. Und es schränkt natürlich auch die Besuchskinder ein, die sicher gern überall herum laufen würden, um sich alles anzugucken.

Auch mich schränkt es ein. Während ihr hundelosen Mütter nachmittags irgendwo mit Kaffee und Zeitschrift sitzt und genüsslich eure Cantuccini knabbert oder zumindest etwas im Haushalt schafft, studiere ich die Mimik eurer Kinder, um ihnen schon bei den ersten Anzeichen des Unwohlseins zu erzählen, wie lieb der Hund gerade guckt oder wie müde er doch ist. Und um einschätzen zu können, ob sie noch entspannt genug sind, um sich auf Toilette zu trauen oder ob ich sie, mit meinem Körper von Hunden abschirmend, dorthin geleiten muss.

Ich spiele eine Therapeutenrolle, die ich gar nicht spielen will. Gleichzeitig habe ich ein Auge auf die Hunde, damit sie nicht gerade jetzt in diesem Moment eine falsche Bewegung machen, ohne sie zu sehr zu beachten, damit sie sich nicht aufgefordert fühlen, zu kommen. Das ist bei drei Hunden, die noch nicht einmal meine sind und von denen zwei nicht einmal ein Jahr alt sind, eine Nachmittagsbeschäftigung, von der ich immer geträumt habe – nicht.

Doch noch mehr schränkt es meine Kinder  ein, die sich sonst auch frei im Haus bewegen dürfen. Die gerne einfach mal die Hunde knuddeln, ihnen etwas im Vorbeigehen erzählen und sie auch stolz vorzeigen, weil sie so lieb sind, so süß aussehen, besonders flauschig und noch dazu ihre Freunde sind. Immer wieder macht es mich traurig, die Enttäuschung in ihren Gesichtern zu sehen, wenn sie beim Erzählen ihrer tollsten, selbst erlebten Hundegeschichten bei ihrem hundeängstlichen Gegenüber auf Ablehnung stoßen.

Und ein bisschen Angst ist immer dabei. Was ist, wenn die Freunde meiner Kinder nicht mehr kommen wollen, wenn sie sich nicht mehr trauen zu kommen? Freundschaften haben für Kinder in diesem Alter einen ganz anderen Stellenwert. Man misst sich an seinen Freunden, bewertet jemanden anhand seiner Freundschaften, zählt stolz, wie viele größere Freunde man schon hat, belohnt nettes Verhalten mit der Einladung zu einer Freundschaft und straft, indem man diese kündigt.

Nicht nur, dass die Gefahr besteht, dass sich die Angst eurer Kinder vor Hunden auch auf andere Bereiche ausdehnt. Ihr Egal-Eltern stellt auch diese Freundschaften auf eine wirklich unfaire Probe. Und ihr macht uns das Leben schwer, indem ihr es euch zu einfach macht.

Von Kindern, Hunden, Hundephobien und der Lüge der Vereinbarkeit
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6 Kommentare

  1. Liebe Manuela,

    ich kann dich sehr gut verstehen. Zwar habe ich keine eigenen Kinder, habe aber sowohl bei meiner jüngeren Schwester als auch bei meinen Patenkindern genau diese Angst gesehen und versuche mit Moe zu zeigen, das ein Hund nichts ist, vor dem man sich fürchten kann.

    Worin die Angst begründet liegt: Bei meinen Patenkindern lag die Angst darin, dass sie nie mit Hunden konfrontiert wurden und die eigene Mutter vor allem bei großen Hunden starke Angst hatte. Sie hat ihren Kindern direkt vorgelebt, dass dort etwas Gefährliches des Weges kommt.

    Mittlerweile hat die Familie allerdings ein paar Ängste überwunden. Sie haben sich ihrer Angst gestellt und haben selber einen Hund. Die Kinder sind trotzdem immer noch sehr vorsichtig, vor allem das Mädchen hat die ersten Minuten noch deutlich Angst vor Moes Kopf – aber es wird weniger.

    Bei meiner Schwester liegt die Angst tiefer. Wir sind absolut gleich aufgewachsen, ich hatte jedoch nie Angst vor Hunden. Meine Schwester schon. Immer, wenn uns ein Hund begegnete, fing sie an zu weinen – später flüchtete sie. Da half wirklich nichts.

    Mittlerweile hat sie ihre Angst so weit überwunden, dass sie es schafft, ruhige Hunde zu streicheln. Sobald diese sich aber hektisch bewegen, bellen, ist es vorbei.

    Genauso wie dir macht mir diese Entwicklung Angst. Kinder nicht zu konfrontieren, vor allem in einem Alter, in dem noch nichts gesetzt ist – andererseits bin ich auch keine Mutter und darf so etwas vielleicht gar nicht beurteilen.

    Ich wünsche euch, dass die Freunde deiner Kinder bleiben und sich dank dir an Hunde gewöhnen. Selbst wenn du da eine Mammutaufgabe übernommen hast (auch nicht ganz freiwillig), denke ich, dass das der richtige Weg ist.

    Liebe Grüße
    Nicole

  2. Ein ganz wunderbarer Artikel!
    Ich kenne deine Nöte auch alle und mich stört vieles ebenfalls…manchmal ist es fast zum Heulen.
    Gerade wegen meiner sensiblen Hunde bin ich zusätzlich noch damit gesegnet jegliche Art von Stress, den ich persönlich bei all den getroffenenen Vorkehrungen empfinde, nicht auf meinen Hund zu übertragen.
    Außerdem gibt es noch die Freunde die erst garnicht zu uns kommen…und wie erklärt man das einem 4-jährigen der gerne seine Spielsachen stolz teilen möchte :-/ ?!
    Lieben Dank also für diesen Beitrag, bitte bitte mehr von den alltäglichen Zwickmühlen.
    LG Danni

    • Ich finde es interessant, dass man erst durch so einen Artikel erfährt, wer von seinen Bloggerkollegen auch noch Kinder hat. 🙂
      Schön, dass ich mit diesem Problem wenigstens nicht alleine da stehe.

  3. Ich finde noch einen Aspekt wichtig: Die Angst bringt die Kinder in Gefahr. Durch kopflose Flucht kann das Jagdverhalten vieler Hunde ausgelöst werden (ich meine nicht unbedingt Bissverletzungen sondern eher umschubsen usw) und schlimmer noch, die Kinder könnten so vors nächste Auto laufen. 🙁 Ich hatte als Kind nach einem Hundebiss selber Angst. Meine Eltern haben dann einen Hund angeschafft, damit ich lerne Hunde zu lesen und keine Angst habe. Für diesen Schritt bin ich ihnen unendlich dankbar!

    • Oh ja, da hast du Recht, Sabine. Danke für die Ergänzung. 🙂

      • Wir diskutieren das hier öfter, da auf Familienfeiern im großen Teil meist zwei bis drei Hunde und diverse Kinder sind und eins der Kinder panische ein und ein anderes ein bisschen Angst hat. Der mit der Panik macht mir da wirklich Sorgen. Die restlichen Kinder sind zum Glück entspannt. Die können sogar Fußball spielen und die Hunde verhalten sich ruhig. Geht alles. 😉

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