Otto – ein Plädoyer für Schattenhunde

Schattenhunde im Tierheim sind groß und dunkel. Sie machen sich unsichtbar, werden Eins mit der Betonwand statt Besucher zu begrüßen. Doch wer sie trotzdem findet, erhält ein Geschenk.

Tierheimhunde

Stundenlang angebunden an einer Straßenlaterne wartete er vergeblich darauf, wieder abgeholt zu werden. Stattdessen führte sein Weg ins Tierheim. Sobald jemand das Hundehaus betrat, verschwand er in seinen Außenzwinger. Wer sich seinem Zwinger näherte, sah nur noch seinen Schatten.

Otto war groß und kräftig, schwarz mit ein paar lohfarbenen Abzeichen und etwa 10 Jahre alt. Er zeigte sich reserviert und an Menschen völlig desinteressiert. Problemlos ließ er sich anleinen und untersuchen, aber er zeigte kaum Regung geschweige denn Freude über Zuwendung.

Schon in den ersten Tagen fiel uns auf, dass er eine auffällige Körperform hatte. Er schien normalgewichtig, doch fehlte ihm die Taille. Er wurde tierärztlich untersucht, geröntgt und geschallt. Die Diagnose war niederschmetternd. Sein Bauchraum war voller Tumore. Ursache war wahrscheinlich ein entarteter, innenliegender Hoden.

Herz und Lunge schienen jedoch in Ordnung. Dort war der Krebs noch nicht angekommen. „Macht ihm ein paar schöne Wochen!“ waren die Worte des Tierarztes. Dann standen wir Tierpfleger da, mit einem totkranken Hund an der Leine und wussten alle, dass er keine Chance haben würde, wenigstens in einem schönen Zuhause sterben zu dürfen.

Nie zeigte er Anzeichen von Schmerzen. Doch sein Lebensabend sollte schön und auch ganz sicher schmerzfrei sein und so bekam er von nun an sehr hoch dosiert Schmerzmittel.

Kurz zuvor musste ich meine Kaukasenmix-Omi Hanna gehen lassen, doch wieder einen dritten Hund wollte ich nicht. Mit meinem inzwischen fast vollständig erblindeten Robin und meinem jungen Staffordshire-Mix Pauli war ich ausgelastet genug.

Aber Otto tat mir Leid. Kein Hund sollte im Tierheim sterben müssen.Und so arbeiteten die Gedanken in mir weiter – bis zum Feierabend. Es wären schließlich nur ein paar Wochen…

SchattenhundeAbends leinte ich Otto an, ging mit ihm zum Tierheimbüro, in dem meine Hunde auf mich warteten und ließ diese rauslaufen. Ich rechnete mit einem Tumult oder irgendetwas, das meine Vermutung bestätigen würde, dass ich meinen Hunden nicht einfach einen unkastrierten Rüden vor die Nase setzen könnte. Denn auch, wenn sie verträglich waren, gut fanden sie längst nicht alle Hunde.

Doch das Gegenteil war der Fall. Meine beiden Rüden liefen zu Otto und begrüßten ihn begeistert als würden sie ihn schon immer kennen. Mich beschlich der leise Verdacht, dass ich mit der Einschätzung, dass Otto ein unsicherer Hund wäre, total daneben liegen würde.

Danach fuhr ich mit allen drei Hunden nach Hause. Wir stiegen aus und ich ließ die Hunde zunächst in den Garten. Plötzlich war es als würde sich bei dem alten Rüden ein Schalter umlegen. Er veränderte seine Körperhaltung und aus dem Schatten wurde ein Riese mit stolz geschwellter Brust. So stand er im Garten und ließ mit brummender Kehle seinen Blick über die angrenzende Weide mit den Pferden, Ziegen und Schafen schweifen. „Oh, Gott!“ dachte ich. „Der Zaun ist so niedrig. Was wenn er den Tieren was tun will…“

Vor lauter Schreck vergaß ich trotz fremden Hund, dass ich auch noch Katzen hatte und ließ alle ins Haus. Doch Otto zeigte sich unbeeindruckt von den Katzen. Dass andere Tiere – weder die hinter dem Haus noch jegliche Jungtiere, die ich berufsbedingt mit nach Hause nahm – für ihn kein Problem waren, sollte ich später noch merken.

Er bewachte unseren Garten, die angrenzende Pferdeweide und das Grundstück meiner einzigen Nachbarn vom ersten Tag an mit großer Ernsthaftigkeit. Wer dazu gehörte und wer nicht, hatte er sich am Ankunftstag genau eingeprägt. Anfangs war ich unsicher, ob ich ihn machen lassen oder es lieber von Anfang an unterbinden sollte. Doch Besucher konnten bei uns nach wie vor ein- und ausgehen und dieser Hund gab mir irgendwie das Gefühl, als wüsste er, was er da tut.

Von Anfang an lief Otto ohne Leine. Unterwegs zeigte er an Menschen und anderen Hunden kein Interesse, nahm mir aber nach und nach immer mehr Aufgaben ab. Während ich zuvor entgegenkommende Hunde ausbremsen musste, damit sie nicht in den fast blinden Robin reinrannten, stellte sich nun Otto wie eine Mauer vor seinen Hundekumpel und sorgte mit seiner Ruhe dafür, dass es nicht zu Zusammenstößen kam.

Otto

Meine drei Rüden waren ab der ersten Minute des Zusammentreffens ein eingeschworenes Team. Nie, wirklich nie gab es irgendwelche Unstimmigkeiten. Otto war ein souveräner, in sich ruhender Rüde, an dem sich alle orientierten.

Er muss es mal sehr gut gehabt haben. Umso trauriger, dass sein Halter nicht auch an seinem Lebensabend für ihn da sein wollte oder konnte.

Aus den „paar Wochen“, die der Tierarzt prognostizierte, wurden viele schöne Monate ohne Beschwerden – außer einen leichten Inkontinenz, wenn die Tumore beim Schlafen auf die Harnwege drückten. Doch eines Tages war es soweit. Otto hatte Schmerzen und wir ließen ihn erlösen.

Unsere gemeinsame Zeit war länger als geplant, aber doch viel zu kurz. Ottos Tod riss ein großes Loch in unsere Familie. Doch er hatte ein Testament hinterlassen und Pauli sehr viel beigebracht, der nun erwachsen wurde und einen Teil von seinen Aufgabe übernahm. Ich dagegen bemerkte erst jetzt, wie dunkel die Abende, wie düster der Wald und wie einsam gelegen unser Zuhause ohne Otto waren.

Ich war damals hochschwanger mit meiner ersten Tochter als unser Schattenhund starb. Wenige Wochen später, nach der Geburt meines Kindes folgte ihm Robin im Alter von 14 Jahren. Es war als hätte Otto ihn zu sich geholt, damit er weiter auf ihn aufpassen und Pauli und ich uns um unsere neue Aufgabe kümmern konnten.

Wie sehr hätte ich mir gewünscht, dass meine Kinder mit so einem Hund hätten aufwachsen können. Bis heute denke ich manchmal daran, wie gern ich ihn früher kennengelernt hätte. Und wenn ich in Tierheimen an Hundezwingern vorbeigehe, schaue ich noch immer unbewusst nach dunklen Schatten.

Schaut doch mal genauer hin, wenn ihr ein Tierheim besucht und dort nach einem neuen Familienglied sucht. Vielleicht erkennt ihr dann auch einen Schatten, an dem ihr sonst unbemerkt vorbeigegangen wärt. Die wahren Schätze erkennt ihr nämlich erst auf den zweiten Blick.

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