In Memory – Robin

Robin war mein erster Hund. Ein Angsthund würde man heute sagen. Von ihm möchte ich euch heute erzählen.

Der Hund aus dem Moor

Es war 1999, ich war gerade in meiner Ausbildung zur Tierpflegerin, als ich Robin kennenlernte. Er wurde im Moor gefunden, aus dem ihn die Feuerwehr herauszog und ins Tierheim brachte.

Kurz zuvor hatten meine Eltern ein Haus außerhalb der Stadt gefunden. Ihr Versprechen „Ein Hund? Erst wenn wir auf dem Land leben!“ hatte ich nicht vergessen.

Robin war so hübsch und er tat mir so leid. Er hatte so viel Angst, dass er sich in der Futterküche im Katzenhaus, in der er lebte und ich arbeitete, hinter Heizungsrohre klemmte.

Meine Eltern hielten ihr Versprechen und so unterschrieb ich im Tierheimbüro unseren Übereignungsvertrag. Als ich zurück in die Futterküche ging, stand Robin plötzlich vor mir und fletschte mich an. Ich war schneller wieder draußen wie ich reingekommen bin.

Einen kurzen Moment war ich mir nicht sicher, ob das mit der Adoption so eine gute Idee gewesen ist. Hatte ich doch bei diesem süßen, ängstlichen Hund ganz vergessen, das da trotzdem ein Raubtier drin steckte. Trotzdem zog Robin bei uns ein und es kam nie wieder zu solchen Zwischenfällen.

Wenn der Hund nie stört und genauso wenig frisst

Robin war still. Er lag in seinem Körbchen und stand nur auf, wenn man ihn anleinte, um mit ihm rauszugehen. Den ganzen Tag merkte man nichts von ihm. Er forderte nichts, bettelte nicht. Er lag nur da.

Nie hätte er etwas zu Fressen aus der Hand genommen. Nicht einmal ein Würstchen. Überhaupt war das Fressen ein Problem. Dosenfutter und Fleisch: ein bisschen. Trockenfutter: noch weniger. Robin bekam „Premiumfutter für sehr aktive Hunde“ und war doch Haut und Knochen.

Zum Glück hatte er längeres Fell und Fremde sahen es nicht, wie dünn er doch war. Sonst hätte ich damals sicher Besuch von Amtstierarzt bekommen.

Eine Hundeernährungsberaterin gab mir den Tipp, „Light-Futter“ zu füttern. Dazu sollte ich zum Anregen des Appetits Nachtkerzenöl geben. Ich hielt es für Quatsch, aber es funktionierte trotzdem. Robin gewann etwas an Gewicht und begann schließlich, normal zu fressen.

Mitternacht und Unwetter

Robins erster Fluchtversuche war noch im Tierheim. Er riss sich von seiner Gassigängerin los und verschwand im Wald. Eine Suchaktion wurde gestartet. Ein kleines Stück Leine verriet ihn schließlich unter einem Baum.

Dass er nie kopflos flüchtete war auch mein Glück, denn auch bei mir riss er sich viele Male los. Doch er rannte immer nur zum nächsten Busch, versteckte sich und wartete darauf, dass man ihn dort wieder abholte.

Unsere Spaziergänge waren schwierig. Zwar schien Robin das Laufen an der Leine zu kennen, doch alle Menschen und menschengemachte Reize ließen ihn panisch die Flucht ergreifen. Ein Mensch am Horizont, Stimmen aus den Gärten, das Klappern einer Straßenlaterne,…

Wie oft stand ich da allein mit Leine und Geschirr in der Hand, heulend vor Verzweiflung, während der Hund ohne mich nach Hause lief. Wie neidisch war ich auf andere Hundehalter, die normal spazieren gehen und sich dabei sogar mit anderen unterhalten konnten. Nachdem, Eika, eine ältere Mischlingshündin bei uns einzog, wurde es etwas besser.

Unsere Zeit war Mitternacht, unser Wetter das Unwetter. Nachts, wenn alle schliefen, bei Sturm und Gewitter, wenn kein normaler Mensch mehr unterwegs war, war unsere Zeit. Dann konnte ich Robin ohne Leine laufen lassen und er war fröhlich und gelassen – ja, fast wie ein normaler Hund.

Eine Herausforderung war auch sein Hüteerbe. Trotz seiner Angst verfolgte er alles, was sich bewegte, verschwand in Maisfeldern, lief auf Mittelstreifen neben fahrenden Treckern her, rannte gegen ein fahrendes Auto und zeigte ungeplant bei unseren zwei Tierheim-Schafen, dass er ein Profi ist. Im Nachhinein würde ich auch eher vermuten, dass Robin kein Schäferhund-Border Collie war, sondern vielleicht ein Schlag der Altdeutschen Hütehunde oder Ähnliches.

Bis heute würde ich gerne wissen, wie Robin wohl früher gelebt hat. Bei panischen Hunden denkt heute jeder an Auslandstierschutz. Doch Ende der 90er war dieser noch gar nicht so sehr verbreitet. Ein paar Kilometer von seinem Fundort entfernt lebten einige „Aussteiger“, die sich ein paar Schafe hielten. Möglich, dass es dort auch Hütehunde gab.

Wenn der Verstand sich verabschiedet

Fettablagerungen in der Hornhaut, Keratitis, Grauer Star, Cauda Equina Kompressionssyndrom,… So richtig gesund war Robin nie.

Schon mit 6 Jahren zeigten sich die ersten Zeichen von Alzheimer Demenz. Das kognitive Dysfunktionssyndrom schritt trotz Medikamente immer weiter fort. Während sich andere von dieser Krankheit eingeschränkt fühlen, war sie für uns unser größtes Glück. Mit dem Verstand ging auch die Angst.

Sogar Kinder, die für Robin immer die schlimmsten unter den Menschen waren, machten ihm immer weniger Angst. Im Alter tobte er sogar fröhlich mit meiner damaligen Tierschutz-Jugendgruppe durch den Wald.

Die letzten Jahre waren für uns deshalb sehr entspannt und fast ein bisschen normal, wie man es mit einem inzwischen fast vollständig erblindetem, tüdeligem Hund eben normal nennen kann. Robin wurde 14 Jahre alt.

In Memory – Robin
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9 Kommentare

  1. Das wollte ich auch immer: Einen Hund! Meine Eltern haben mir dasselbe versprochen und nun leben meine Mama und ich in einem Haus mit Garten. Sie und mein Mann wollen einen Hund, ich nicht 😀
    Traurig, was es für Hundeschicksale gibt! Traurig, was es für Menschen-Ärsche gibt! Sorry für das Schimpfwort!
    Viele Grüße, Izabella

  2. Muss grad ein bisschen weinen bei deinem Beitrag – wirklich eine schöne Erinnerung. Wie schön, dass Robin so lange und friedlich bei euch leben konnte!

  3. Toll, dass er so ein schönes Lebe bei/mit dir hatte. Ein wirklich unglaublich hübsches Tier 🙂
    LG Lexa

  4. Was für eine schöne Geschichte. Danke, dass Du sie mit uns teilst.
    Liebe Grüße
    Karl

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