Hund kastrieren lassen? Überleg dir, was du tust!

Einen Hund kastrieren zu lassen gehört für viele zur Normalität.
Die Hündin versaut nicht mehr den Teppich, ist nicht mehr zickig, wird nicht von Rüden verfolgt,… Der Rüde hört auf zu streunen, zu markieren, sich zu prügeln,…
Kurz: Hunde werden sauberer, anhänglicher und besser erziehbar.
So eine Kastration macht das Leben leichter – oder?
Meistens eben genau das Gegenteil.

Kastration beim Hund – Definition

Das Kastrieren eines Hundes ist die operative Entfernung der Keimdrüsen.
Beim Rüden sind das die Hoden, bei der Hündin die Eierstöcke.
Tierärzte verwenden folgende Begriffe:

  • Gonaden = Keimdrüsen
  • Gonadektomie = Entfernung der Keimdrüsen / Kastration
  • Orchiektomie = Entfernung der Hoden / Kastration des Rüden
  • Ovarektomie = Entfernung der Eierstöcke / Kastration der Hündin
  • Ovariohysterektomie = Entfernung der Eierstöcke und der Gebärmutter / vollständige Kastration der Hündin

Gesundheitliche Folgen der Kastration

Abgesehen von dem Narkose- und Operationsrisiko, das dem von uns Menschen sehr ähnlich ist (außer, dass mit unseren Tieren weniger zimperlich umgegangen wird), gibt es einige medizinische Nebenwirkungen, von denen man vor der Entscheidung zumindest gehört haben sollte.

Harninkontinenz der Hündin
Die Harninkontinenz ist die häufigste Folge der Kastration.
Durch den Wegfall der Geschlechtshormone kommt es bei Hündinnen zu einer Funktionsminderung des Harnröhrenverschlusses. Das kann zu Harnträufeln führen.
Die Inkontinenz tritt meist innerhalb der ersten drei Jahre nach der Kastration auf. In einigen Fällen auch direkt danach oder viele Jahre später.

Fellveränderungen
Bei langhaarigen Hunden kann die Kastration zu einer Wucherung der Unterwolle führen.
Bei kurzhaarigen Hunden kommt es nicht selten zu symmetrischem Haarausfall in der Flankengegend.
Bei Hunden mit rotem Fell (bes. Irish Setter und Cocker Spaniel) verändert sich häufig die Farbe. Sie bekommt einen leichten Gelbstich.

Übergewicht
Der Energiebedarf eines Hundes, bei dem der Sexualtrieb wegfällt, kann sich bis zu 30% verringern. Die Ernährung sollte entsprechend angepasst werden.
Der Hund sucht sich u.U. andere Interessen. Das kann z.B. Fressen sein, was durch eine Kürzung des Futters noch verstärkt wird.

Osteoporose
Geschlechtshormone haben eine wichtige Funktion im Wachstum und sind entscheidend für die Knochenstabilität. Vor allem frühkastrieret Hündinnen leiden später an Knochenerweichung.

Scheidenentzündung
Bei frühkastrierten Hündinnen, die an einer Junghundvaginitis leiden, wird diese Entzündung häufig chronisch.

Hormonelle Erkrankungen
Auch wenn es gern abgestritten wird, ist der Wegfall von Geschlechtshormonen ein massiver Einschnitt in den gesamten Hormonhaushalt. Durch die Kastration wird dieser Kreislauf völlig durcheinander gebracht, was u.a. zu Diabetes, Schilddrüsenunterfunktionen und Cushing führen kann.

Tumorvorbeugung
Die Statistiken darüber, inwieweit die Kastration Mammatumoren vorbeugt, stammen aus den 60ern und sind somit völlig veraltet.
Neuere Untersuchungen geben Hinweise darauf, dass die vorbeugende Wirkung sehr viel geringer ist. Wirklich bedeutsam für die Verringerung der späteren Tumorbildung ist nur eine Kastration vor der 1. Läufigkeit. Das wiederum hat Nachteile für Wachstum und Knochenbildung und steht im Verdacht, andere Tumorarten zu fördern.

Verhaltensänderungen
Oft wollen Halter ihren Hund kastrieren lassen, weil er Verhaltensprobleme zeigt. Das bringt in den seltensten Fällen etwas.
Grob kann man sagen, dass einige Rüden etwas ruhiger, viele Hündinnen aggressiver und alle ängstlichen Hunde noch ängstlicher werden.
Auf die genaue Auswirkung der Kastration auf das Verhalten eines Hundes werde ich in einem späteren Artikel genauer eingehen.

Alternative zum Kastrierenlassen

Zweimal im Jahr für ein paar Tage aufzupassen, sollte eigentlich möglich sein, ist aber vielen zu viel Arbeit.

Die Sterilisation stellt eine Alternative dar. Und hier bin ich mir fast sicher, dass diese in Zukunft wieder gefragt sein wird.

Es gibt auch Tierärzte, die eine „halbe“ Kastration durchführen und dabei nur einen Eierstock und die Gebärmutter entfernen.

Die chemische Läufigkeitsunterdrückung ist umstritten, weil es durch sie häufiger zu Gebärmutterentzündungen kommen kann. Besonders dann, wenn sie nach vielen Jahren abgesetzt wird, ist deshalb oft eine Kastration notwendig.

Die chemische Kastration des Rüden wird gern eingesetzt, um die potenziellen Folgen des Kastrierens abschätzen zu können. Ob sie bei dauerhaftem Gebrauch Nebenwirkungen hat, ist noch nicht bekannt. Es gibt sie noch nicht lange genug, um Langzeitfolgen abschätzen zu können.

Kastrieren ist verboten

Die Kastration eines Hundes ist laut Tierschutzgesetz verboten.

    §6 (1) Verboten ist das vollständige oder teilweise Amputieren von Körperteilen oder das vollständige oder teilweise Entnehmen oder Zerstören von Organen oder Geweben eines Wirbeltieres […]

Eine Kastration darf deshalb nur bei Vorliegen einer medizinischen Indikation durchgeführt werden.
Das können beispielsweise Eierstockzysten, Gebärmutterentzündung, Hodentumore o.ä. sein.
Erziehungsprobleme fallen nicht darunter!

Und ihr? Habt ihr eure Hunde kastrieren lassen?

Meine waren bisher alle älter und aus dem Tierschutz. Sie waren bereits kastriert, als sie bei mir einzogen, sodass ich mir die Frage nie stellen musste.

Nur mein jetziger Vierbeiner wurde auf meinen Wunsch hin kastriert.
Er war mein erster Junghund. Ich war mir unsicher. Und ich hatte aufgrund der Rasse etwas Sorge um die Verträglichkeit mit Artgenossen.
Ich glaube nicht, dass es wirklich einen Unterschied gemacht hätte, wenn er nicht kastriert wäre.
Im Nachhinein würde ich es deshalb nicht noch einmal machen.

Hund kastrieren lassen? Überleg dir, was du tust!
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6 Kommentare

  1. Aufgrund der aktuellen Diskussion auf facebook hier nun die Ergebnisse aktueller Untersuchungen zum Thema Tumorbildung der Hündin und die Auswirkung der Kastration.
    (Alle Zahlen sind auf zwei Stellen hinter dem Komma gerundet.)

    Die Wahrscheinlichkeit, dass unkastrierte Hündinnen an Mammatumoren erkranken, liegt bei 0,2 – 2 %.
    Sie liegt in der Regel bei unter 1%, bei prädisponierten Rassen darüber.

    Eine Kastration vor der 1. Läufigkeit senkt das tatsächliche Risiko auf 0,001 – 0,009 %.
    Da kann man durchaus von nahezu 0 sprechen.

    Eine Kastration zwischen der 1. und 2. Läufigkeit verringert das Erkrankungsrisiko nur noch auf 0,02 – 0,15 %.

    Eine Kastration zwischen der 2. und 3. Läufigkeit bei hat bereits eine Erkrankungsrate von 0,05 – 0,48 %.
    Einige Untersuchungen ergaben schon hier keine Veränderung der Erkrankungsrate mehr.

    Kastration nach der 3. Läufigkeit hat keinen Einfluss mehr auf die Bildung von Mammatumoren.

    Bei diesen Zahlen kann man die Diskussion über Kastration zur Tumorvorbeugung nur mit Erbsenzählerei vergleichen.

    Von 1000 Hündinnen erkranken 1-2 an Mammatumoren.
    Die Erkrankungsrate bei Menschen ist 5x so hoch.

    Seid ihr denn auch schon kastriert?

    Aktuelle Studien haben ergeben, dass die Entstehung von Mammatumoren durch Übergewicht im 1. Lebensjahr begünstigt wird.
    Auch gibt es einen Zusammenhang mit einer genetischen Prädisposition. Es gibt Rassen, die vermehrt dazu neigen.

    Trotzdem bin ich nicht grundsätzlich gegen die Kastration. Gerade im Tierschutz hat sie meiner Meinung nach ihre Berechtigung, wenn auch sie hier nicht pauschal durchgeführt werden sollte.

    Ich denke aber, der vernünftige Normalhundehalter sollte sich zumindest vor dem Kastrierenlassen Gedanken über die möglichen Folgen machen.

  2. Hallo Manuela,

    toller Beitrag, dem ich so genau zustimme!

    Vor allem die Aussagen „Die Hündin versaut nicht mehr den Teppich, ist nicht mehr zickig, wird nicht von Rüden verfolgt,…“ sind (bis auf den Teppich) nicht zwingend die Realität.

    Viele Hündinnen riechen auch nach einer Kastration sehr gut und werden bestiegen, belästigt und verfolgt.

    Genau dasselbe ist uns VOR Lotte’s Läufigkeit passiert – was ein Mal lecker riecht, riecht sehr wahrscheinlich immer lecker.

    Ich habe oft Momente in denen ich genervt bin und auch an Kastration gedacht habe.

    Aber nun weiß ich, dass Lotte und ich als Team gegen aufdringliche Rüden vorgehen müssen, damit sie die Chance einer normalen Entwicklung hat.

    Liebe Grüße,
    Anna 🙂

    • Hallo Anna,

      vielen Dank für deinen Kommentar.

      Freut mich, dass dir der Beitrag gefällt.

      Dass Hündinnen nach der Kastration für einige Rüden dauerhaft gut riechen, habe ich auch schon einmal gehört. Mir hat mal jemand erzählt, dass es daran liegt, dass die Gebärmutter weiterarbeitet, wenn sie nicht mit entfernt wird. Aber genaueres weiß ich nicht.

      Liebe Grüße
      Manuela

      • Das klingt zumindest naheliegend, weil die Hormome möglicherweise aufgrund des Vorhandenseins weiterproduziert werden?

        Das wäre ja noch Schlimmer, wenn man seiner Hündin auch noch die Gebärmutter entfernen lässt. Horrorvorstellung.

        Dann kann man sich gleich ein Kuscheltier ohne Hormone, Gefühle und Charakter anschaffen.

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