Geweihstangen für Hunde – unterschätzte Gefahr

Seit einigen Jahren ist das Füttern von Geweihstangen für Hunde in Mode. Der „natürliche Kaugenuss“ verspricht artgerechte Beschäftigung, birgt aber gesundheitliche Gefahren.

Wo kommen die Geweihstücke her?

Abwurfstangen sind ein natürliches Produkt, welches von Hirschen und Rehböcken abfällt. Einmal im Jahr wird das Geweih abgeworfen. Es wächst daraufhin eine neues, größeres Geweih. Das alles wird mit Hilfe des Testosteronhaushalts gesteuert. Bei Rehböcken geschieht dies zum Ende des Herbstes, bei Hirschen (Rot- und Damwild) etwa im Spätwinter.

Nun mag der eine oder andere Hundehalter die ganz romantische Vorstellung haben, dass unsere Jäger im Herbst und Winter durch die Wälder spazieren und Abwurfstangen sammeln. Das ist natürlich Blödsinn. Die Geweihstangen sind Schlachtnebenprodukte.

Die Hirschfleischindustrie

Ein großer Teil der im Handel angebotenen Geweihe wird aus dem Ausland stammen, auch wenn die Anbieter hierzulande selten genaue Angaben zum Herkunftsland machen. In Nordamerika, Großbritannien und Irland wird schon länger Deer-Farming betrieben. Weltmarktführer ist aber Neuseeland. In Neuseeland ist die „deer farming industry“ bereits ein riesiger Wirtschaftszweig. Zwar begann man mit dem Deer-Farming erst 1970, doch bis heute gibt es in Neuseeland bereits 2000 Hirschfarmen mit etwa 1 Million Hirschen.

Die Hirsche leben in großen Gehegen. Zum Schlachten werden sie in ein Gebäude mit Tunnelsystem getrieben (in kleinen Betrieben mit Quads, in großen Betrieben mit Hubschraubern), an dessen Ende der Schlachter mit Bolzenschussgerät wartet. Wir reden hier nicht von vielleicht einer Handvoll Tieren. Es sind Massenschlachtungen, bei denen an einem Tag gern mal eben 200 Tiere geschlachtet werden.

Je älter die Hirsche sind, umso stärker schmecken sie nach Wild. Dieser sehr intensive Wildgeschmack wird heute kaum noch nachgefragt. Deshalb werden überwiegend Junghirsche mit etwa einem Jahr geschlachtet.Das Geweih ist in diesem Fall ein Schlachtnebenprodukt, sodass ihr sicher sein könnt, dass für euren Einkauf kein Tier sterben musste.

Die Hirschsamt-Industrie

Es gibt aber einen weiteren Zweig der Hirschindustrie: das Ernten von Hirschsamt (deer velvet). Das Hirschsamt ist die stark durchblutete und sehr empfindliche Basthaut, die irgendwann abstirbt und an Bäumen abgescheuert wird. Erst später bildet sich am Geweih eine Sollbruchstelle, sodass der Hirsch sein Geweih abwerfen kann.

In der EU  ist es verboten, Hirschen bei Bewusstsein das Geweih abzusägen. Und das aus gutem Grund. Dies ist nämlich für die Tiere sehr schmerzhaft. Vor allem wenn das Geweih mit der samtigen und sehr schmerzempfindlichen Basthaut überzogen ist wäre dies Tierquälerei.

In anderen Ländern ist dies aber erlaubt und in Neuseeland gängige Praxis. Die Tiere werden in einen Fixateur getrieben, sodass die Tiere bewegungsunfähig sind und lediglich das Geweih rausguckt. Eine Betäubung mit Betäubungsmitteln ist nicht erwünscht, denn die Mittel würden auch in das Geweih gelangen. Man bindet stattdessen das Geweih bzw. die Basthaut ab, um die Blutzufuhr zu stoppen, was beim Absägen des Geweihknochens übermäßige Schmerzen verhindern soll. Auch in den USA, in China, Russland und Indien wird auf diese Weise Hirschsamt hergestellt. 

Die Basthaut gilt als reich an Mineralien, Kollagen, Lipiden, Glykosaminoglykane und Entzündungshemmern. Es wird gegen eine Vielzahl von Beschwerden eingesetzt und spielt sowohl in der Ayurveda als auch in der Chinesischen Medizin eine Rolle, aber auch im Sportbereich, vor allem in der Bodybuilding-Szene. Die Nachfrage ist sehr groß und Neuseeland exportiert im großen Stil. 

Hat das Geweih, welches ihr im Handel kauft, mehr als zwei Enden, war der Hirsch weder 1-jährig (Spießer) noch zweijährig (Gabler). Vor allem dann solltet ihr nachfragen, woher das Geweih stammt. Da überwiegend junge Hirsche geschlachtet werden, ist es nicht auszuschließen, dass das Geweihstück als Abfallprodukt aus der „deer velvet“-Industrie stammt. Diese muss man nun nicht unbedingt unterstützen, auch nicht mit der Abnahme des Abfalls.

Stammt es aus Neuseeland, hat es wenigstens den direkten Weg zu euch genommen. Stammt es aus Fernost (China, Indien,…) hat es möglicherweise einen größeren Transportweg hinter sich und niemand weiß, welche Verarbeitungsprozesse dazwischen standen. Wie ihr sicher aus der Lederindustrie wisst, wird dort nicht an Chemie und Kinderarbeit, dafür aber umso mehr an der Arbeitssicherheit gespart.

Geweihstangen für Hunde – Knochen statt Horn

Viele denken, dass Geweihstangen aus Horn bestehen. Das tun die Hörner auf den Rinderköpfen schließlich auch. Und Horn ist ziemlich weich. Geweihe sind aber Knochen. Sie bestehen aus Knochensubstanz und sind viel härter.

Mögliche Gefahren bei der Fütterung von Geweihstangen

Knochenkot / Verstopfung / Verletzungen des Verdauungstrakts

Es gibt Hundehalter, die ihren Hunden große Mengen Knochen füttern und deren Hunden passiert nichts. Doch nicht alle Hunde verdauen Knochen gleich gut und das hat gar nicht immer mit der Härte der Knochen zu tun und ist auch unabhängig davon, ob gleichzeitigen Fleisch gefüttert wird oder nicht. Einige Hunde bekommen Knochenkot, sehr heller und harter Kot, oder sie scheiden mit ihren Kot ganze Knochen oder zumindest Splitter wieder aus.  Das kann zu schweren Verletzungen innerhalb des Verdauungstrakts und zu Darmverschlüssen führen. Beim Knabbern eines Geweihes kann es auch vorkommen, dass der Hund ein Stück verschluckt, welches möglicherweise die Luftröhre blockiert.

Zahnfrakturen

Händler von Geweihstangen argumentieren häufig damit, dass Geweihstangen weniger hart sind als Röhrenknochen.  Und in der Tat gibt es Unterschiede zwischen den Knochen. Ein Röhrenknochen beispielsweise ist innen um den Markkanal herum sehr hart. Knochenenden und so auch die Endstücke des Geweihs sind weniger hart. Gefährlich ist aber die Knochenrinde. Diese ist so hart, dass sie auch für Hunde kaum durchzubeißen ist. Hunde versuchen es trotzdem, und zwar mit ihren hinteren Backenzähnen.

An diesen kommt es als Folge leicht zu Absplitterungen und Frakturen. Nicht immer sind sie für den Besitzer gleich erkennbar. Manchmal sind es feine Bruchlinien, die dem Hund aber unglaubliche Schmerzen bereiten. Die Folgen können extreme Verhaltensänderungen sein, ins Negative natürlich und auch Entzündungen, wenn sich Bakterien ihren Weg bahnen.

Speicherung von Umweltgiften

In der Hirschgeweih-Forschung ist bekannt, dass Geweihe gewisse Substanzen speichern. Egal ob Autoverkehr oder Atomunfälle – nur wenige Monate später ist sogar in den Geweihen der Hirsche am anderen Ende der Welt Blei bzw. radioaktives Isotop Strontium-90 nachweisbar. Man nennt sie deshalb auch Umwelt-Archive, weil man an ihnen Umweltbelastungen erforschen kann. Niemand weiß so recht, wie diese giftigen Substanzen gespeichert werden und ob Hirsche ein Jahr lang diese speichern und sie mit dem Abwurf wirklich verschwunden sind.


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4 Kommentare

  1. Für uns als echte Geweih-Fans ein sehr hilfreicher Artikel! Ich achte immer sehr auf die Herkunft der Geweihe und wir kaufen auch nur „Schäufele“, also die Enden, von denen es heißt, dass sie sogar für Welpen und Senioren geeignet sind. Der Hersteller, von dem ich kaufe (CANSTICK), schreibt: „Die Geweihe, die wir für die Fertigung verwenden, werden von freilebenden Hirschen abgeworfen und sind natürlich und nachhaltig (Keine Schlachttiere, Hirsche werden NICHT verletzt).“ Er schreibt auch, es handelt sich um eine Hornschicht und Knochenmark. Mein Hund liebt die Dinger und ich wünsche mir, dass wir sie auch weiter nutzen können.

  2. Hallo,
    meine Hündin bekommt ab und zu ein Hirschgeweih wenn sie Bock hat zum Kauen und es ist als Zahnpflege bei ihr gut geeignet. Ich kann keine Nebenwirkungen erkennen und sehe es nicht weiter schlimm es ihr zu geben. Danke für die Tipps, werde es weiter im Auge behalten. LG Claudia

  3. Unser Schröder bekam 8 Jahre lang Geweihstücke und der Linus nun seit knapp zwei Jahren……ich denke nicht dass wir damit aufhören werden, es bekam und bekommt unseren Hunden gut … achte natürlich auch auf die Herkunft beim Kauf…..

  4. Bisher habe ich mir noch nie Gedanken über so etwas gemacht. Mein Schwiegervater ist Jäger und bisher hatten wir nur Geweihe von ihm. Ist auch noch nichts passiert bisher. Denke aber man sollte immer die Herkunft überprüfen. Danke für den aufschlussreichen Artikel!

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