Balljunkies – Wenn Spielen zur Sucht wird

Viele Hundehalter halten das Ballspielen für eine gute Beschäftigung für ihren Hund.
Doch dieses niedliche Verhalten kann sich zu einer massiven Verhaltensstörung entwickeln.
Das Ballspielen beinhaltet verschiedene Sequenzen des Jagdverhaltens und wirkt somit selbstbelohnend. Es kann süchtig machen und durchaus gefährlich werden.

Hund Balljunkie

Vom Spiel zum Suchtverhalten

Zur Jagd gehören folgende Elemente:

Orten – Fixieren – Anpirschen – Hetzen – Packen – Töten – Zerreißen

Das Ballspielen beinhaltet vor allem die Sequenzen Fixieren, Hetzen und Packen. Je nach Hund werden noch weitere wie beispielsweise das Totschütteln gezeigt.

Bei der Jagd und auch beim Spielen mit dem Ball, mit dem Stock oder der Reizangel schüttet der Körper verschiedene Substanzen aus, die für Spannung, Erregung, Spaß – einfach für ein gutes Gefühl – verantwortlich sind. Das körpereigene Belohnungssystem wird aktiviert. Einige dieser ausgeschütteten Substanzen (u.a. Adrenalin und Dopamin) können über kurz oder lang Suchtverhalten hervorrufen.

Anfällig sind vor allem Hunde, die in reizarmer Umgebung aufgewachsen sind. Diese leiden in der Regel an einem chronischen Dopaminmangel. Die zuständigen Rezeptoren im Gehirn reagieren deshalb überempfindlich auf diesen Botenstoff. Diese Hunde sind besonders anfällig für Stereotypien und anderes Suchtverhalten.

Außerdem gibt es einige Rassen, die besonders häufig betroffen sind. Es handelt sich um Hunde des A-Typs, die besonders schnell erregbar sind. Dazu gehören vor allem Hütehunde (z.B. Border Collies, Schäferhunde) und Terrier (z.B. Jack Russell, Jagdterrier).

Dieses Suchtverhalten entsteht meist bereits in der Junghundezeit. Nämlich dann, wenn die jungen Hunde in einer sensiblen Phase sind, in der sie das Jagen lernen würden. Wird in dieser Zeit extrem viel mit dem Ball gespielt, wird aus diesem Hund häufig ein Balljunkie.

Wie du erkennst, ob dein Hund ein Balljunkie ist

  • Dein Hund reagiert sehr aufgeregt, wenn du sein Spielzeug hervorholst.
  • Er fixiert das Spielzeug in deiner Hand, hüpft neben dir her und guckt nicht mehr, wohin er läuft.
  • Alles andere wird nebensächlich. Dein Hund interessiert sich nicht mehr für andere Hunde, nicht mehr für Wild und sonstige Reize in seiner Umgebung.
  • Es ist ihm egal, wer den Ball wirft. Du kannst den Ball einer fremden Person geben und wortlos gehen. Dein Hund wird dies kaum wahrnehmen.
  • Dein Hund wird niemals von sich aus das Spiel beenden.

Warum es wichtig ist, etwas dagegen zu tun

  • Ständiges Ballspielen behindert die Bindung zum Hundehalter. Die Hund-Halter-Beziehung ist gestört und basiert hauptsächlich auf dem Ball.
  • Das ständige plötzliche Abbremsen beim Holen des Balls belastet die Gelenke.
  • Dein Hund kann aggressives Verhalten zeigen, wenn plötzlich jemand (Hund oder Mensch) in der Wurflinie steht und er seine Beute in Gefahr sieht.
  • Es führt in der Regel zu einer Generalisierung. Das bedeutet, dass dein Hund hinter allem hinterherhetzt, was du oder jemand anderes wirfst. In einigen Fällen kann sich dieses Verhalten auf alle sich bewegenden Reize ausbreiten. Dazu gehören Fahrzeuge, Jogger, rennende Kinder und alle Reize, die sich schnell bewegen.
  • Dazu kommt, dass die Hunde in ihrem gesamten Leben eingeschränkt sind. Sie lauern regelrecht auf ihre Beute und können sich kaum noch zu 100% auf etwas anderes konzentrieren. Es braucht nur die Hand ihres Halters in seiner Jackentasche verschwinden und der Schalter wird umgelegt. Ein freibestimmtes Leben ist etwas anderes.

Wie man Balljunkies helfen kann

Die Hunde werden häufig zur lebenden Marionette gemacht. Viele Halter sind stolz darauf, dass ihr Hund so gut gehorcht. Mit dem Ball in der Hand wird alles bisher Gelerntes heruntergerattert, in der Hoffnung, dass irgendwann der Ball fliegt. Der Hund beachtet dabei keine noch so große Ablenkung.

Man muss allerdings bedenken, dass viele Halter ihren Hunden dies nicht mit Absicht antun. Häufig ist wirklich Unwissenheit im Spiel. Das Ballspielen gehört für viele einfach zur Hundehaltung dazu. Viele wissen gar nicht, wie sie anders mit ihrem Hund spielen können. Manchmal kann es schon helfen, diese Hundehalter vorsichtig darauf anzusprechen.

Einmal süchtig, immer süchtig. Genau wie ein Alkoholiker niemals „kein Alkoholiker“, sondern nur „trockener Alkoholiker“ sein kann, wird ein Balljunkie immer süchtig bleiben. Es wird immer wieder Rückfälle geben, denn geben ihrem Verlangen einfach nach, wenn die Gelegenheit da ist.

Ein kalter Entzug allein ist keine Lösung, weil diese Hunde dann in einen Dopaminmangel rutschen. Eine Alternative muss her. Das können Mantrailing, Zielobjektsuche, Rettungshundearbeit, Leckerliesuchspiele, Geruchsunterscheidung, ruhige Gerätearbeit oder andere Sachen sein. Hauptsache der Hund hat Spaß daran und es beinhaltet vor allem nicht die Jagdsequenz „Hetzen“. Agility ist für diese Hunde nicht geeignet. Alles, was mit zu viel Schnelligkeit und Hektik zu tun hat, verschiebt nur das Problem.

Balljunkies – Wenn Spielen zur Sucht wird
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6 Kommentare

  1. Hier habe ich meine Border Collie-Hündin Leila wieder erkannt.
    Leider war uns nicht bewusst, dass die Fixierung auf Wurfobjekte (Ball, Frisbee & Co.) so verheerende Folgen hat. Mittlerweile haben wir nun seit einem Monat bereits, das Ballspielen eingestellt und nun machen wir viel Sucharbeit mit Leila. Richtig eingependelt hat sich das allerdings noch nicht 🙁

  2. Mich würde interessieren, worauf sie sich berufen bei der Behauptung dass Border Collies an einem Dopaminmangel leiden würden….und dass die Dopaminrezeptoren deshalb empfindlicher reagieren…. Haben sie dazu eine Quelle?

    Folgende Seite scheint eher das Gegenteil zu behaupten:

    http://elib.tiho-hannover.de/dissertations/meermanns_ss09.pdf

    Zitat Studie aus der Universität Hannover:

    „Dabei fanden sie u.a. bei Border Collies höhere Dopaminspiegel als bei
    Herdenschutzhunden. Dopamin spielt eine wesentliche Rolle im limbischen System, es ist an
    der Entstehung von Emotionen wie Lust und Freude beteiligt, es beeinflusst das
    Lernverhalten, die Motorik und das endogene Belohnungssystem positiv, steigert gleichzeitig
    aber auch das Angstempfinden (BRANDT 2004; FEDDERSEN-PETERSEN 2004). „

    • Border Collies leiden nicht grundsätzlich an einem Dopaminmangel. Es geht um Hunde, die in reizarmer Umgebung aufwachsen.
      Kontaktiere hierfür am besten mal Udo Gansloßer.

    • Zwischen der (völlig korrekten) Aussage zu Hunden mit Dopaminmangel und der (völlig korrekten) Aussage zu Border Collies steht ein Absatz.
      Ein Absatz kennzeichnet in der Regel eine inhaltliche Trennung zwischen einzelnen Themenbereichen – die an dieser Stelle ebenfalls völlig korrekt gesetzt ist.
      Weder Frau Feddersen-Petersen noch Herr Gansloser und sicher auch nicht die Autoren der TiHo-Studie würden sich an dem Artikel reiben.
      Ich übrigens auch nicht.

  3. Hallo Manuela,
    Du sprichst mir aus der Seel.e.
    Ich kenne sehr viele Balljunkies und es ist nicht schön mit anzusehen.
    Gerade bei Jagdhunden wird der Ball oft „missbraucht“ um ein Auslasten des Hundes zu erreichen ohne die möglichen Streßfaktoren und die Auswirkungen auf den Hund zu hinterfragen.
    Toller Artikel…
    GLG Danni

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